Archiv für ‘Castor’

9. November 2010

92 Stunden Widerstand

Jetzt ist der Castor im Zwischenlager angekommen – nach einem neuen Streckenrekord von 92 Stunden und mehrern Tagen an wahrem Ausnahmezustand im Wendland. Die Schienenblockade bei Harlingen, an der ich mich auch beteiligt habe, dauerte insgesamt 20 Stunden und hatte 5000 Teilnehmer. Das hat es noch nie gegeben.

Bereits am Sonntag Abend hatten wir damit gerechnet jederzeit geräumt zu werden. Der Castor war um 17 Uhr in Lüneburg losgefahren und somit nur noch wenige Kilometer von der Gleisblockade in Harlingen entfernt. Doch was fehlte waren Polizeikräfte. Zu diesem Zeitpunkt hätte uns in Harlingen niemand räumen können. Statt dessen trafen immer mehr Menschen ein, die uns mit Decken, warmen Getränken und Essen versorgten. Die Polizei errichtet netterweise :-) mehrere Lichtanlagen, so dass auf der Schiene die Nacht zum Tag gemacht werden konnte. Mehrere Musikgruppen zogen an der Schiene entlang und unterhielten die Demonstranten. Es wurde viel getanzt, gelacht und geschnackt und die ganze Szenerie sah eher nach einer großen Party aus als nach der größten Gleisblockade aller Zeiten.

Sonntag morgen um 6.30 Uhr hatte dies alles seinen Anfang im Camp von Widerstetzen in Hitzacker. Dort trafen wir uns zu einem Aktionstraining, um uns für den Tag gut vorzubereiten. Doch das Zelt für das Training war viel zu klein – hunderte Aktionswillige standen noch “vor der Tür” als die Menschen im Zelt schon dicht an dicht saßen. Kurzerhand wurde ein zweites Aktionstraining unter freiem Himmel durchgeführt, um alle mit den nötigen Informationen zu versorgen. Hauptaufgabe war es sich in sogennanten Bezugsgruppen zusammenzuschlißen. Das sind Teams zwischen 4-10 Leuten, die ihre Namen austauschen und bei der Aktion später beieinander bleiben. In diesen Gruppen sollten sich möglichst gleichgesinnte zusammen schließen, das heißt nur Leute die sich nicht anketten wollen oder nur Leute die auch bis zur Räumung bleiben. Besonders spannend: Ungefähr die Hälfte aller Aktionsteilnehmer hatte noch nie an einer Blockade-Aktion teilgenommen, darunter viele ältere Menschen über 50. Wütend über die Laufzeitverlängerungen von schwarz-gelb und die Vorfestlegung auf Gorleben hatten sie sich dieses mal entschlossen, dass bloßes Demonstrieren nicht mehr ausreicht. Dieses mal sollte es mehr sein.

Einige Meter entfernt rauchten die Köpfe des Widersetzen-Teams. Mit so vielen Menschen hatten sie nicht gerechnet und nun musste die “Anreise” zur Aktion nochmal durchgeplant werden. Letztendlich waren aber alle mit Bezugsgruppen und Anreiseplan versorgt und gegen 11 Uhr ging es los Richtung Tollendorf. Von dort war ein längerer Marsch durch den Wald nötig, um zur Schiene zu kommen. Als wir diese gegen 13 Uhr erreichten, saßen bereits ungefähr 1000 Menschen auf den Gleisen und freuten sich über die Verstärkung durch uns. Schienenkilometer 188 war für den Castor erstmal blockiert.

Gegen 21 Uhr saßen dann bereits 5000 Menschen auf den Gleisen und die Polizei fragte sich, wie sie diese Blockade räumen sollte. Das Problem: Bei Harlingen gibt es eine Schienenabschnitt der in einer Senke liegt. links und rechts der Schiene steigt die Böschung ca 5-8 Meter steil an und macht ein räumen unmöglich. Ein weiteres Problem: Die wendländischen Bauern hatten alle Zufahrtsstraßen ins Wendland mit Treckerblockaden dicht gemacht, so dass die Polizei nur sehr schwer Einsatzkräfte heranziehen konnte. Der Castor war inzwischen in Dahlenburg über Nacht zwischen geparkt worden – das hatte es noch nie gegeben.

Gegen 1 Uhr nachts war es dann soweit: Die Polizei hatte eine Gefangenensammelstelle (GeSa) in ca. 1 Kilometer Entferung von der Blockade auf einem Feld errichetet. Hierhin sollten alle Schienenbesetzer gebracht werden. Zuvor hatte das Team von Widersetzen mit der Einsatzleitung der Poliezi ausgehandelt, dass wir dort nur so lange festgehalten werden würden, bis der Castor in Dannenberg angekommen ist. Insgesamt muss man sagen, dass die Räumaktion von beiden Seiten her friedlich verlief. Die Polizei hat sich desekslierend verhalten und ohne Helm und Sturmhaube geräumt und die meisten Demonstranten haben es den Einsatzkräften nicht unnötig schwer gemacht sie wegzubringen. Viele sind nach einen kurzen Stück des getragen werdens das restliche Stück gelaufen.

5 Stunden später war der letze Mensch von der Schiene geräumt und die Aufräumarbeiten konnten losgehen. 3 weitere bitterkalte Stunden später rollte der Castor wieder – direkt an der GeSa vorbei. Der Überlegung, dass der Zug gerade über die Stelle gerollt ist, auf der ich 18 Stunden gelegen haben hat etwas unheimliches. Viele haben die Vorbeifahrt mit Pfiffen und Buh-Rufen begleitet. Danach haben alle recht schnell ihr Sachen gepackt und wir sind – wie vorher versprochen – freigelassen worden. Ohne Personalienfeststellung.

Wie im Trance ging es dann die Strekce zum Camp zurück – laufen – Auto fahren – wieder laufen. Danach warennichts mehr möglich außer zu schlafen.

4 Stunden Bulli-Schlaf später waren bereits 4 Castorbehälter auf LKW verladen und ich einigermaßen wieder fit. Eine weitere Nacht auf der Straße in der Kälte hätte ich nicht durchgeahlten. Kurzerhand habe ich mich entschieden einen mobilen Info- und Shuttleservice einzurichten und durch das Wendland zu fahren. Erste Station: Infopunkt auf der Essowiese in Dannenberg. Hier habe ich einen Zettel hinterlassen, dass mich anrufen kann, wer eine Fahrt innerhalb des Wendlandes braucht. Dann weiter zum Camp Gedelitz (Nahe Gorleben). Hierhin einen Weg zu finden war eine echte Aufgabe und die Detailkarte meiner Eltern (zwar noch aus DDR-Zeiten, aber immerhin) hat sich als echter Glücksgriff erwiesen. Über Feld-und Nebenstrecken ist es mir gelungen ohne Polizeikontrollen und Bauernsperren nach Gedlitz zu kommen. Die Strecke habe ich getwittert, um anderen auch noch zu ermöglichen an der inzwischen entstandenen Sitzblockade vor dem Zwischenlager Gorleben teilzunehmen. Interessanterweise hat die Polizei davon anscheinend nichts mitgekommen. Ich bin die Strecke an dem Tag noch ein paar Mal gefahren und sie hat immer wieder so funktioniert. Das nennt  man vernetzen Widerstand. :-)

Am späten Abend habe ich dann noch die Strecke nach Lüneburg zurück gelegt, um mich für die Nacht in ein richtiges Bett legen zu können. Bei Metzingen brannte eine Straßenblockade, die bei meiner Ankuft von zwei Wasserwerfern gerade gelöscht wurde. Die Blockade war für die Verhinderung von Polizeinachschub ins Wendland offenbar erfolgreich: Nach der Lösung und Räumung der Barrikade fuhren hunderte Polizeiwagen an mir vorbei in Richtung Wendland.

Erst am frühen morgen wurde die Blockade vor dem Zwischenlager geräumt und auch der Greenpeace LKW, der sich vor dem Verladebahnhof in Dannenberg festgemacht hatte, war beseitigt worden. Der Castor konnte losfahren und hatte gegen 10 Uhr das Zwischenlager in Gorleben erreicht. Nach 92 Stunden – unendlich viel kreativen Widerstand und vööliger Erschöpfung sowohl auf seiten der Demonstranten als auch auf Seiten der Polizei.

Es ist sehr zu hoffen, dass sich aus diesem Ausnahmetransport jetzt eine grundsätzliche Debatte um das Zwischenlager in Gorleben entfacht. Wir brauchen eine offene Endlagersuche in Deutschland, die nach transparenten Kriterien druchgeführt wird und von der sich kein Bundesland vorher ausklinken kann. Die Vorfestlegung auf Gorleben ist politisch und geologisch in höchsten Maße gefährlich. Die Asse liegt nur wenige Kilometer weit entfernt und säuft gerade ab. Gleiches ist in Gorleben zu befürchten. Zudem befindet sich unter dem Salzstock ein Gasvorkommen, was noch keiner richtig einschätzen kann. Für die jahrtausende lange Lagerung von Atommüll ist Gorleben ungeeignet.

7. November 2010

Auf der Schiene in Harlingen

Es ist geschafft! Ich sitze bei Harlingen mit 1800 anderen auf den Gleisen.
Der Tag begann um 5 Uhr heute Morgen mit der Anreise ins Widersetzen-Camp Hitzacker. Nach einem Aktionstraining um 7 Uhr ging die meiste Zeit mit planen und organisieren der Gruppen weiter. Man bildet sogenannte Bezugsgruppen, in der sich mehrere Menschen zusammen tun, die dann bei der Aktion aufeinander aufpassen. Nach einigen Stunden ging es dann im Autokonvoi aus Hitzacker raus Richtung Tollendorf. Bereits in Hitzacker wurde der Konvoi komplett von der Polizei auseinander genommen, dabei ging es aber nur darum, ob wir Brandsätze dabei haben… Danach sind wir über Feldwege nach Tollendorf gefahren und von dort aus zu Fuß durch den Wald gelaufen. Auf der Schiene saßen bei unserer Ankunft bereits ca. 1000 Leute.
Polizeipräsenz war sehr gering, auch jetzt rücken nur wenige Einsatzkräfte nach. Der Castor steht derweil zwischen Celle und Uelzen und kommt wegen einer Blockade nicht voran. Es dauert hier also noch mindestens zwei Stunden bis der Castorzug Lüneburg verlassen kann. Solange machen wir es uns hier auf dem Gleis nett…

4. November 2010

Zeigt Angela Merkel die rote Karte

Am kommenden Wochenende wird sich ein breites gesellschaftliches Bündnis ins Wendland aufmachen, um gegen die skrupellose Atompolitik der schwarz-gelben Bundesregierung zu protestieren. Dazu erklärt die Landesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, Marlene Löhr:

Mit dieser Laufzeitverlängerung richtet die Bundesregierung nicht nur gesellschaftspolitisch großen Schaden an, auch ökonomisch sind die Auswirkungen fatal. Besonders Stadtwerke und Unternehmen aus der Branche der Erneuerbaren Energien haben sich bei ihren Investitionsentscheidungen auf die Gültigkeit des Atomausstiegs verlassen.

In Gorleben wird sehr deutlich, dass Atomkraft keine Zukunftstechnologie ist. Nahezu verzweifelt klammert sich die Bundesregierung an Gorleben als mögliches Endlager, obwohl es massenweise Vorbehalte und Warnungen dagegen gibt. Doch genauso wie auch schon die Laufzeitverlängerung, fiel auch die Entscheidung für die weitere Erkundung des Salzstocks ganz im Sinne der eigenen Klientel aus.

Wir Grüne werden am Sonnabend zusammen mit vielen Schleswig-HolsteinerInnen ins Wendland fahren und gegen die Atompolitik der Bundesregierung protestieren. Landesweit fahren mehr als 15 Busse zur Demo und einige wenige Plätze sind noch frei. Kommt mit und zeigt Frau Merkel die rote Karte!

„Keiner hat das Recht zu gehorchen” (Hannah Arendt).

27. April 2009

Oje, hat eigentlich jemand schonmal die Endlagerproblematik bei Erneuerbaren bedacht?

11. November 2008

Angekommen

Die Aktion in Laase (siehe Bericht gestern) scheint erfolgreich gewesen zu sein. Der Castortransport musste nocheinmal anhalten, weil Leute es zwischen Laase und Gorleben aus die Straße geschafft haben. Leider habe ich auch gehört, dass die Polizei dort noch sehr brutal vorgegangen sein soll.

Ich bin inzwischen wieder in Flensburg angekommen. Auf meiner Homepage (www.marlene-loehr.de) befindet sich ein Video der Ankettaktion an der deutsch-französischen Grenze. Zusammen mit der Ankettaktion in Grippel und vielen weiteren Blockaden hatte der Transport dadurch eine Verspätung von fast einem ganzen Tag. Dieser massive (und überwiegend friedliche) Widerstand zeigt, wie wichtig es ist endlich die Endlagersuche nocheinmal zu öffnen und nicht an Vorfestlegungen für einem eigentlich ungeeigneten Standort festzuhalten. In diese Suchen müssen alle Interessensgruppen miteinbezogen werden. Vor allem aber zeigt der Protest der letzten Tage, wie dringend es gewollt ist, schnell und dauerhaft aus der Atomkraft auszusteigen. Es ist nun meiner Meinung nach Aufgabe der GRÜNEN, diesen Willen mit der gleichen Vehemenz wie die Leute auf der Schiene/Straße in die Parlamente und Regierungen zu tragen und für einen schnellen Ausstieg zu kämpfen.

10. November 2008

Der Castor ist noch nicht am Ziel, ich schon.

Es ist alles gut verlaufen, auch wenn die PolizistInnen beim räumen ziemlich brutal waren. Jetzt falle ich in meinem Lüneburger Basislager (“Eltern”) ins Bett. Der Castor steht derzeit noch im Verladebahnhof in Dannenberg. Heute Nacht wird im Wendland Halligalli sein (ist es jetzt schon). Ich brauche jetzt allerdings erstmal ein bisschen Schlaf, habe aber noch versucht in Laase eine Widerstandsaktion mitzuorganisieren. Ob sie funktioniert, weiß ich morgen. Trotzdem ist es jetzt schon der längste Transport, der jemals stattgefunden hat.

9. November 2008

Eine Mütze Schlaf!

Die geniale Blockadeaktion in an der deutsch-französischen Grenze  hat mir eine Mütze Schlaf und Zeit zum Vorbereiten beschert. Dick eingepackt (hier ist es nämlich eisig kalt oder es regnet) war ich heute morgen schon zu einer Besprechung bei der Mahnwache in Lüneburg. Wie 34 weitere Gruppen im Wendland haben wir uns zu einer Spontandemo entschlossen, die gerade im vollen Gange ist…

Ach, hier ein Artikel zur Info was gerade im Wendland los ist.

8. November 2008

Auftaktdemo in Gorleben

marlene22Überwältigend viele Menschen waren heute in Gorleben um zu demonstrieren. Die Polizei spricht von über 14000 TeilnehmerInnen. Man muss also evtl. sogar von noch mehr ausgehen. Erfreulich war auch, dass es sehr viel GRÜN auf der Demo gab. Ich schätze ca. 30 Banner, 243 Fahnen und 1500 Plakatschilder samt DemonstrantInnen. ;-)

Der GRÜNE Landesverband war mit knapp 100 Leuten vor Ort, das ist absolut super!

Nachdem wir vor dem Zwischenlager in Gorleben angekommen sind, haben einige DemonstrantInnen sich zu einer Sitzblockade niedergelassen (ich auch, siehe links). Dort bin ich allerdings nicht lange geblieben, denn es gibt ja auch noch eine Schiene… :-)

Der Zug wird übrigens gerade wunderbar an der deutsch-französischen Grenze blockiert, so dass man hier ein bisschen mehr Zeit zur Vorbereitung hat..

7. November 2008

Ich stelle mich quer…

…und werde sowohl morgen (8.11.) an der großen Demonstration in Gorleben teilnehmen als auch die Tage danach auf Straße und Schiene mit vielen anderen AtomkraftgegnerInnen den Transport blockieren.  Heute (7.11.) gab es dafür in Lüneburg schonmal die erste Demo zum warmlaufen und die ersten lustigen Polizeikommentare (die ernst gemeint waren). So wurde ich bei der Demo (alle liefen auf der Straße) von einem Polizisten aufgefordert: “Gx-gelbehen sie bitte auf dem Bürgersteig!”. Ich dachte erst, dass ich nicht richtig höre, aber der hat das tatsächlich ernst gemeint. :-) Ich mein “Nö” als Antwort dann allerdings auch.

Die Polizei hat – wie üblich – nicht damit gespart Handkameras einzusetzen und DemonstrantInnen zu filmen. Die Konfliktmanager der Polizei sahen darin überhaupt kein Problem (obwohl es mehrere Gerichtsurteile gibt, die ein solches Filmen als nicht rechtens beurteilt haben). Nun werde ich also morgen mal mit meiner Handcamera losziehen und Polizisten filmen…

Insgesamt freue ich mich auf morgen. Nicht auf den Anlass, aber darauf, dass wir GRÜNE es geschafft haben soviele Leute zu mobilisieren. Die Demo wird einen deutlich GRÜNEN Akzent haben und somit zeigen, dass wir uns ein Ausstieg aus dem Ausstieg nicht gefallen lassen.

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