92 Stunden Widerstand
Jetzt ist der Castor im Zwischenlager angekommen – nach einem neuen Streckenrekord von 92 Stunden und mehrern Tagen an wahrem Ausnahmezustand im Wendland. Die Schienenblockade bei Harlingen, an der ich mich auch beteiligt habe, dauerte insgesamt 20 Stunden und hatte 5000 Teilnehmer. Das hat es noch nie gegeben.
Bereits am Sonntag Abend hatten wir damit gerechnet jederzeit geräumt zu werden. Der Castor war um 17 Uhr in Lüneburg losgefahren und somit nur noch wenige Kilometer von der Gleisblockade in Harlingen entfernt. Doch was fehlte waren Polizeikräfte. Zu diesem Zeitpunkt hätte uns in Harlingen niemand räumen können. Statt dessen trafen immer mehr Menschen ein, die uns mit Decken, warmen Getränken und Essen versorgten. Die Polizei errichtet netterweise
mehrere Lichtanlagen, so dass auf der Schiene die Nacht zum Tag gemacht werden konnte. Mehrere Musikgruppen zogen an der Schiene entlang und unterhielten die Demonstranten. Es wurde viel getanzt, gelacht und geschnackt und die ganze Szenerie sah eher nach einer großen Party aus als nach der größten Gleisblockade aller Zeiten.
Sonntag morgen um 6.30 Uhr hatte dies alles seinen Anfang im Camp von Widerstetzen in Hitzacker. Dort trafen wir uns zu einem Aktionstraining, um uns für den Tag gut vorzubereiten. Doch das Zelt für das Training war viel zu klein – hunderte Aktionswillige standen noch “vor der Tür” als die Menschen im Zelt schon dicht an dicht saßen. Kurzerhand wurde ein zweites Aktionstraining unter freiem Himmel durchgeführt, um alle mit den nötigen Informationen zu versorgen. Hauptaufgabe war es sich in sogennanten Bezugsgruppen zusammenzuschlißen. Das sind Teams zwischen 4-10 Leuten, die ihre Namen austauschen und bei der Aktion später beieinander bleiben. In diesen Gruppen sollten sich möglichst gleichgesinnte zusammen schließen, das heißt nur Leute die sich nicht anketten wollen oder nur Leute die auch bis zur Räumung bleiben. Besonders spannend: Ungefähr die Hälfte aller Aktionsteilnehmer hatte noch nie an einer Blockade-Aktion teilgenommen, darunter viele ältere Menschen über 50. Wütend über die Laufzeitverlängerungen von schwarz-gelb und die Vorfestlegung auf Gorleben hatten sie sich dieses mal entschlossen, dass bloßes Demonstrieren nicht mehr ausreicht. Dieses mal sollte es mehr sein.
Einige Meter entfernt rauchten die Köpfe des Widersetzen-Teams. Mit so vielen Menschen hatten sie nicht gerechnet und nun musste die “Anreise” zur Aktion nochmal durchgeplant werden. Letztendlich waren aber alle mit Bezugsgruppen und Anreiseplan versorgt und gegen 11 Uhr ging es los Richtung Tollendorf. Von dort war ein längerer Marsch durch den Wald nötig, um zur Schiene zu kommen. Als wir diese gegen 13 Uhr erreichten, saßen bereits ungefähr 1000 Menschen auf den Gleisen und freuten sich über die Verstärkung durch uns. Schienenkilometer 188 war für den Castor erstmal blockiert.
Gegen 21 Uhr saßen dann bereits 5000 Menschen auf den Gleisen und die Polizei fragte sich, wie sie diese Blockade räumen sollte. Das Problem: Bei Harlingen gibt es eine Schienenabschnitt der in einer Senke liegt. links und rechts der Schiene steigt die Böschung ca 5-8 Meter steil an und macht ein räumen unmöglich. Ein weiteres Problem: Die wendländischen Bauern hatten alle Zufahrtsstraßen ins Wendland mit Treckerblockaden dicht gemacht, so dass die Polizei nur sehr schwer Einsatzkräfte heranziehen konnte. Der Castor war inzwischen in Dahlenburg über Nacht zwischen geparkt worden – das hatte es noch nie gegeben.
Gegen 1 Uhr nachts war es dann soweit: Die Polizei hatte eine Gefangenensammelstelle (GeSa) in ca. 1 Kilometer Entferung von der Blockade auf einem Feld errichetet. Hierhin sollten alle Schienenbesetzer gebracht werden. Zuvor hatte das Team von Widersetzen mit der Einsatzleitung der Poliezi ausgehandelt, dass wir dort nur so lange festgehalten werden würden, bis der Castor in Dannenberg angekommen ist. Insgesamt muss man sagen, dass die Räumaktion von beiden Seiten her friedlich verlief. Die Polizei hat sich desekslierend verhalten und ohne Helm und Sturmhaube geräumt und die meisten Demonstranten haben es den Einsatzkräften nicht unnötig schwer gemacht sie wegzubringen. Viele sind nach einen kurzen Stück des getragen werdens das restliche Stück gelaufen.
5 Stunden später war der letze Mensch von der Schiene geräumt und die Aufräumarbeiten konnten losgehen. 3 weitere bitterkalte Stunden später rollte der Castor wieder – direkt an der GeSa vorbei. Der Überlegung, dass der Zug gerade über die Stelle gerollt ist, auf der ich 18 Stunden gelegen haben hat etwas unheimliches. Viele haben die Vorbeifahrt mit Pfiffen und Buh-Rufen begleitet. Danach haben alle recht schnell ihr Sachen gepackt und wir sind – wie vorher versprochen – freigelassen worden. Ohne Personalienfeststellung.
Wie im Trance ging es dann die Strekce zum Camp zurück – laufen – Auto fahren – wieder laufen. Danach warennichts mehr möglich außer zu schlafen.
4 Stunden Bulli-Schlaf später waren bereits 4 Castorbehälter auf LKW verladen und ich einigermaßen wieder fit. Eine weitere Nacht auf der Straße in der Kälte hätte ich nicht durchgeahlten. Kurzerhand habe ich mich entschieden einen mobilen Info- und Shuttleservice einzurichten und durch das Wendland zu fahren. Erste Station: Infopunkt auf der Essowiese in Dannenberg. Hier habe ich einen Zettel hinterlassen, dass mich anrufen kann, wer eine Fahrt innerhalb des Wendlandes braucht. Dann weiter zum Camp Gedelitz (Nahe Gorleben). Hierhin einen Weg zu finden war eine echte Aufgabe und die Detailkarte meiner Eltern (zwar noch aus DDR-Zeiten, aber immerhin) hat sich als echter Glücksgriff erwiesen. Über Feld-und Nebenstrecken ist es mir gelungen ohne Polizeikontrollen und Bauernsperren nach Gedlitz zu kommen. Die Strecke habe ich getwittert, um anderen auch noch zu ermöglichen an der inzwischen entstandenen Sitzblockade vor dem Zwischenlager Gorleben teilzunehmen. Interessanterweise hat die Polizei davon anscheinend nichts mitgekommen. Ich bin die Strecke an dem Tag noch ein paar Mal gefahren und sie hat immer wieder so funktioniert. Das nennt man vernetzen Widerstand.
Am späten Abend habe ich dann noch die Strecke nach Lüneburg zurück gelegt, um mich für die Nacht in ein richtiges Bett legen zu können. Bei Metzingen brannte eine Straßenblockade, die bei meiner Ankuft von zwei Wasserwerfern gerade gelöscht wurde. Die Blockade war für die Verhinderung von Polizeinachschub ins Wendland offenbar erfolgreich: Nach der Lösung und Räumung der Barrikade fuhren hunderte Polizeiwagen an mir vorbei in Richtung Wendland.
Erst am frühen morgen wurde die Blockade vor dem Zwischenlager geräumt und auch der Greenpeace LKW, der sich vor dem Verladebahnhof in Dannenberg festgemacht hatte, war beseitigt worden. Der Castor konnte losfahren und hatte gegen 10 Uhr das Zwischenlager in Gorleben erreicht. Nach 92 Stunden – unendlich viel kreativen Widerstand und vööliger Erschöpfung sowohl auf seiten der Demonstranten als auch auf Seiten der Polizei.
Es ist sehr zu hoffen, dass sich aus diesem Ausnahmetransport jetzt eine grundsätzliche Debatte um das Zwischenlager in Gorleben entfacht. Wir brauchen eine offene Endlagersuche in Deutschland, die nach transparenten Kriterien druchgeführt wird und von der sich kein Bundesland vorher ausklinken kann. Die Vorfestlegung auf Gorleben ist politisch und geologisch in höchsten Maße gefährlich. Die Asse liegt nur wenige Kilometer weit entfernt und säuft gerade ab. Gleiches ist in Gorleben zu befürchten. Zudem befindet sich unter dem Salzstock ein Gasvorkommen, was noch keiner richtig einschätzen kann. Für die jahrtausende lange Lagerung von Atommüll ist Gorleben ungeeignet.
Jetzt geht’s ums Ganze
Seit Sonntag haben wir eine schwarz-gelbe Mehrheit. Im Bundestag, in Schleswig-Holstein und dadurch auch im Bundesrat. Das quält die grüne Seele, aber es entfacht auch Widerstandsgedanken. Wenn ich schwarz-gelb einen Erfolg voraussage, dann dass sie dieses Land neu politisieren werden. Die Anti-AKW-Bewegung ist nicht tot, dass haben 50 000 Menschen gerade wieder in Berlin bewiesen. Die soziale Lage ist in Deutschland an vielen Ecken und Enden prekär. Auch das wird sich durch schwarz-gelb nicht ändern, sondern eher verschlimmern. Und auch die Netzkultur hat Sicherheits-Gesetzen so einiges entgegen zu setzen. Das haben die Schäuble und Zensursula-Kampagnen gezeigt. Deutschland wird politisch werden. Darauf freue ich mich.
Auch Schleswig-Holstein hat so einiges unter schwarz-gelb zu erwarten. Zwei neue Kohlekraftwerke in Brunsbüttel, das fortwährende an- und ausschalten der AKW Krümmel und Brunsbüttel, eine feste Fehmarnbeltquerung und eine Umstrukturierung in der Universitätslandschaft. Die CO2-Lagerung in Nordfriesland und Schleswig-Flensburg gilt so gut wie sicher. So gut wie. Auch Schleswig-Holstein wird politisch werden. Auch darauf freue ich mich.
Jetzt gehts ums Ganze. Wir drehen das.



